Reifen: Woran Sie den Wechselzeitpunkt erkennen
Ob ein Reifen noch taugt, entscheidet nicht die Profiltiefe allein. Ebenso wichtig sind das Alter des Gummis, das Abfahrbild über die Laufflächenbreite und der Zustand der Seitenwände. Ein Reifen mit reichlich Profil kann durch Alterung hart und ein Reifen mit einer Beule in der Flanke sofort unbrauchbar sein. Und ein ungleichmäßiges Abfahrbild ist selten ein Reifenproblem, sondern ein Hinweis auf etwas anderes am Fahrzeug.
Profil richtig beurteilen
Der Gesetzgeber gibt eine Mindestprofiltiefe vor, die Sie an den Verschleißindikatoren in den Hauptrillen ablesen können: kleine Stege im Rillengrund, die auf gleicher Höhe mit der Lauffläche liegen, wenn das Minimum erreicht ist. Praktisch relevant ist allerdings, dass die Eigenschaften eines Reifens schon deutlich vorher nachlassen, insbesondere die Fähigkeit, Wasser zu verdrängen, und der Grip auf Schnee. Wer viel bei Nässe unterwegs ist, sollte deshalb nicht bis zur gesetzlichen Grenze fahren.
Messen Sie an mehreren Stellen: außen, in der Mitte, innen, und das an jedem Reifen. Genau diese Verteilung ist die eigentliche Information.
Was das Abfahrbild verrät
Ein Reifen ist ein Protokoll dessen, was am Fahrzeug passiert:
- Beide Schultern abgefahren, Mitte gut: Typisch für dauerhaft zu geringen Luftdruck.
- Nur die Mitte abgefahren: Deutet auf zu hohen Luftdruck hin.
- Einseitig, nur innen oder nur außen: Ein Hinweis auf die Achsgeometrie, also Spur oder Sturz. Hier hilft kein neuer Reifen, sondern eine Achsvermessung.
- Sägezahnmuster quer über die Blöcke: Oft verschlissene Fahrwerksteile oder fehlender Reifenwechsel zwischen den Positionen.
- Punktuelle Abflachung: Eine Bremsplatte, entstanden bei einer Vollbremsung ohne funktionierende Regelung, oder Standplatten nach langer Standzeit.
Zeigen Sie der Werkstatt das Bild, bevor Sie neue Reifen kaufen. Sonst zahlen Sie zweimal, weil der neue Satz denselben Weg nimmt.
Alter und Lagerung
Gummi altert auch ohne Nutzung. Auf der Seitenwand steht eine vierstellige Kennzeichnung, die Woche und Jahr der Herstellung angibt. Alte Reifen erkennen Sie außerdem an feinen Rissen in den Rillen und an der Flanke sowie an einer verhärteten Oberfläche. Bei Fahrzeugen mit geringer Laufleistung ist Alterung häufiger der Grund für einen Wechsel als Abrieb. Wer Reifen einlagert, sollte sie kühl, trocken und dunkel lagern, fern von Lösungsmitteln und Ozonquellen. Komplette Räder liegen oder hängen, einzelne Reifen ohne Felge stehen.
Luftdruck, der unterschätzte Faktor
Der richtige Fülldruck steht meist in der Tankklappe oder im Türrahmen, häufig getrennt nach Beladung. Zu wenig Druck erhöht den Rollwiderstand, lässt die Flanken walken und die Schultern verschleißen, im Extremfall bis zum Schaden am Reifenaufbau. Zu viel Druck verringert die Aufstandsfläche und damit den Grip. Prüfen Sie den Druck bei kalten Reifen, denn nach einer Fahrt ist der Wert erwärmungsbedingt höher. Ein Kontrollsystem im Fahrzeug ersetzt die manuelle Prüfung nur bedingt, viele Systeme melden erst bei deutlichem Verlust.
Was auf der Seitenwand steht
Die Kennzeichnung der Flanke ist keine Zierde, sondern eine Vorgabe. Sie enthält Breite, Verhältnis von Höhe zu Breite, Bauart, Felgendurchmesser sowie Kennzahlen für Tragfähigkeit und zulässige Geschwindigkeit. Welche Kombinationen für Ihr Fahrzeug zulässig sind, steht in den Fahrzeugpapieren oder in der Freigabe des Herstellers. Eine Abweichung nach unten bei Tragfähigkeit oder Geschwindigkeitsklasse ist nicht zulässig, auch wenn der Reifen mechanisch passt.
Ein Wintermerkmal ist zusätzlich das Bergpiktogramm mit der Schneeflocke. Die ältere Kennzeichnung aus Buchstaben allein sagt über die Wintereignung wenig aus. Ganzjahresreifen sind ein Kompromiss: Sie ersparen den Wechsel, erreichen aber weder im Sommer noch im Winter das Niveau eines spezialisierten Reifens. Ob dieser Kompromiss passt, hängt vom Fahrprofil und von der Region ab.
Beim Wechsel richtig verteilen
Die besseren Reifen gehören an die Hinterachse, unabhängig davon, welche Achse angetrieben wird. Der Grund ist das Fahrverhalten bei Nässe: Bricht die Vorderachse weg, schiebt das Fahrzeug geradeaus und bleibt beherrschbar. Bricht die Hinterachse aus, wird es schwierig. Mischen Sie außerdem nicht Reifen unterschiedlicher Bauart oder Profile auf einer Achse. Nach jedem Radwechsel gilt: Radschrauben nach kurzer Fahrstrecke nachziehen lassen, und zwar mit Drehmomentschlüssel, nicht nach Gefühl.
Fazit
Beurteilen Sie Profil, Abfahrbild, Alter und Flanken gemeinsam. Ein ungleichmäßiges Bild ist eine Botschaft über Luftdruck, Achsgeometrie oder Fahrwerk und sollte geklärt werden, bevor Sie neue Reifen montieren. Die besseren Reifen kommen nach hinten, und der Luftdruck gehört regelmäßig geprüft, kalt und nach Fahrzeugvorgabe.